Mehr Licht in die Häuser

Mehr Licht in die Häuser

Tageslicht im Sunlighthouse
Die einen wollen mehr Tageslicht, die anderen mehr Energieeffizienz und alle wollen mehr Lebensqualität in Gebäuden. Ob sich all das verbinden lässt, darüber diskutierten Wissenschafter, Architekten und Bauphysiker kürzlich  im Sunlighthouse von VELUX.

Laut Bauordnung ist es ausreichend, wenn die Fensterfläche eines Raumes 10 Prozent der Bodenfläche entspricht. In den Augen vieler Tageslichtexperten erfüllt diese Mindestanforderung in keiner Weise die Bedürfnisse der Bewohner. Zu den Kritikern dieser Norm zählt Dekanin DI Dr. Renate Hammer von der Donau-Universität Krems. Sie plädiert dafür, Gebäude einerseits mit einem hohen Tageslichtanteil auszustatten und gleichzeitig gut nutzbare Außenflächen zu schaffen. Mit dieser Meinung traf sie im Rahmen einer Podiumsdiskussion zur Frage „Wie viel Tageslicht verträgt Energieeffizienz?“ auf Baumeister DI Helmut Schöberl/Schöberl & Pöll als Energieexperte, Architekt DI Herwig Spiegl/AllesWirdGut und Mag. arch. Juri Troy seitens der Architektenschaft. Für den moderierenden Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Meinungen sorgte DI Volker Dienst/architektur in progress.

Tageslicht und Energieeffizienz im Widerspruch?

Da sich Menschen in unseren Breitengraden durchschnittlich 90 Prozent des Tages in geschlossenen Räumen aufhalten, ist die Menge des Tageslichts darin von enormer Bedeutung für Wohlbefinden und Gesundheit. Tageslicht, das wir über das Auge wahrnehmen, beeinflusst unsere innere Uhr, den zirkadianen Rhythmus. Aus dieser Sicht sind die meisten Gebäude absolut unterversorgt mit Tageslicht, so die Expertin: „Wir sind Innenraummenschen geworden, obwohl wir evolutionär für den Außenraum geschaffen sind. Also kann es nicht nur um die Energieeffizienz gehen. Man muss man die Frage auch anders stellen, und zwar: Wie viel Tageslicht braucht der Mensch?“
Doch selbst der höchste Tageslichtanteil allein reicht nicht aus, um Menschen wirklich gesund zu erhalten. UV-Strahlung, die für eine Vielzahl an physiologischen Vorgängen verantwortlich ist, kann Bauglasflächen nämlich nicht durchdringen. Also ist es notwendig, sich auch immer wieder im Freien aufzuhalten. Der im Sunlighthouse vom Architektenteam Hein-Troy geplante Atriumbereich schaffe genau diesen Ausgleich zwischen drinnen und draußen, so Hammer weiter.
Für den bereits angesprochenen Juri Troy verkörpert das Sunlighthouse einen Prototyp für integrale Architekturauffassung. Eine Vielzahl unterschiedlichster Aspekte sei so miteinander in Einklang gebracht worden, dass es nun ein ausgewogenes Ganzes bilde. Troy: „So wurde zum Beispiel nicht nur spezielles Augenmerk auf eine optimierte Gebäudehülle, sondern auch auf ein ökologisches Materialkonzept, optimale Ausnutzung von erneuerbaren Energien, der Verwendung von energieeffizienter Technik und Haushaltsgeräten und nicht zuletzt einem besonders hohen Tageslichtanteil in allen Aufenthaltsräumen gelegt.“ Nur durch die Balance all dieser Parameter ist ein Ergebnis entstanden, das gerade auch für diesen schwierigen Standort beispielhaft ist. „Ich glaube, dass Architektur generell wieder vermehrt auf diese vielschichtige Weise verstanden werden muss und nicht alleine über den Heizwärmebedarf beurteilt werden kann“, so Troy weiter.

Fokus auf Gesamtenergieeffizienz

Während die Tageslichtexpertin und der Architekt für offene Gebäude mit viel Tageslicht und Freiräumen plädieren, sieht der Bauphysiker die Energiebilanz. Für Bmst. DI Helmut Schöberl, Schöberl & Pöll, bringen Fenster vor allem eines: Energieverluste. Schöberl: „Beim Fenster dominieren die Verluste im Tiefwinter.“ Da man aber nicht ohne Fenster bauen kann, hofft er auf die Innovationskraft der Industrie und die Entwicklung der Vakuumverglasung bis zur Marktreife in fünf bis zehn Jahren. Entscheidend ist seiner Meinung nach die Gesamtenergiebilanz. Ist ein Haus energetisch gut geplant und gedämmt, und da habe Österreich einen ohnehin hohen Standard, berge vor allem die Hauselektronik hohes Sparpotential. Schöberl: „Da ist der Hebel hinsichtlich Gesamtenergieeffizienz viel größer als bei der Entscheidung, ob das eine Fenster größer oder kleiner ausgeführt wird.“ Vor allem, weil Fenster ja auch solare Gewinne generieren, wie Renate Hammer wiederholt anmerkte.

Architektur zwischen zwei Stühlen?

Dieser überbordenden Hauselektronik und Gebäudetechnik wird ohnehin zu viel Raum gegeben, unterstützte Architekt DI Herwig Spiegl, AllesWirdGut Architektur, die Forderung des Bauphysikers für mehr Energieeffizienz: „Man kann ein nachhaltiges Haus auch ohne diese teuren technischen Anschaffungen planen.“ Beim Tageslichtanteil aber will er sich nicht einschränken lassen – so wie er auch den Bereich Freiräume aufgewertet sehen will: „Dass sich Energieeffizienz und Tageslicht nicht gegenseitig ausschließen, sieht man hier im Sunlighthouse.“
In größerem Ausmaß hat er dieses Spannungsfeld von Energieoptimierung und Tageslichtplanung vor kurzem an Österreichs größtem Passivhaus-Bürogebäude in Krems beobachtet. Um den Passivhausstandard zu erreichen, musste der Fensteranteil an der Fassade unter 25 Prozent gehalten werden. Unter dieser Grundvoraussetzung wurden die Fenster viel kleiner geplant als ursprünglich von den Architekten gewünscht. Die Büronutzer hätten dann im Juni zusätzlich Stores vorgezogen und sich „eingehaust“. Die Folge: Das Licht am Arbeitsplatz reicht auch an sonnigen Tagen nicht aus, und Kunstlicht wird über den innenraumgesteuerten Sensor automatisch zugeschaltet. Dieses Kunstlicht aber ist wieder ein verhältnismäßig großer Energieverbraucher.  Für Spiegl ergibt sich daraus auch die Notwendigkeit der Bewusstseinsbildung bei den Gebäudenutzern. Spiegl: „Auf der einen Seite stehen die Technik und die wissenschaftlichen Erkenntnisse, auf der anderen Seite muss man in der breiten Masse auch Bewusstsein dafür schaffen.“
Ein Appell, der als Überleitung zum Gespräch mit den weiteren Gästen des Abends diente: Mag. Hans Jörg Ulreich/Ulreich Bauträger, Herbert Starmühler/Herausgeber des Magazins energie:bau, Architekt DI Ernst Heiduk/FH Spittal, DI Johannes Fechner von klima:aktiv und Architekt DI Oliver Arnthofer.

Praxisbeispiel Sunlighthouse

„Dieses Ziel der Bewusstseinsbildung verfolgt VELUX mit dem Sunlighthouse in Pressbaum“, erklärt Heinz Hackl, Tageslichtplaner bei VELUX und Projektkoordinator des Sunlighthouse. Er hat schon während der Bauphase und im ersten Jahr nach Fertigstellung hunderte Planer und Professionisten, Wissenschafter und Bauherren über die Baustelle geführt. Seit einem Jahr steht das VELUX Sunlighthouse Besuchern offen, die hier die gehörte Theorie auch mit persönlichen Eindrücken verknüpfen können.

Demnächst wird eine Familie in das Sunlighthouse einziehen und es ein Jahr lang auf Herz und Nieren prüfen. Hackl: „Wir wollen herausfinden, ob die berechneten technischen Werte auch in der täglichen Praxis bestehen und wir möchten gerne wissen, wie sich ein Wohnhaus mit fünfmal mehr Tageslichtanteil als üblich auf das Wohlbefinden seiner Bewohner auswirkt.“

Diese Testfamilie wird dann auch erleben, was die Teilnehmer dieses Abends im Anschluss an die Diskussion genießen konnten: Wie wunderbar es sich in diesem hellen, gesunden und energieeffizienten Haus speisen lässt. Unter dem Motto „Architektur und Kulinarik“ wurden die Gäste mit einem ausgezeichneten Menü, zubereitet von einer Profiköchin mit Hilfe von AEG Elektrolux Geräten, unter Mitwirkung der „neuen Küche“ von Kotanyi und mit Kompotten von Staud´s verwöhnt. Gesunde Küche unter Einsatz energieeffizienter Geräte in einem nach energetischen und ökologischen Kriterien optimierten Wohnhaus – das ist es wohl, was unter gesamtheitlicher Sicht verstanden werden kann.

Fotos: VELUX, Abdruck honorarfrei

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