Europäischer Tageslicht-Standard 2013

Europäischer Tageslicht-Standard 2013

Tageslicht im Sunlighthouse
Die Umsetzung des ersten europäischen Tageslicht-Standards ist bereits für 2013 geplant. Im Rahmen des VELUX Daylight Symposiums in Lausanne präsentierten Experten ihre neuesten Forschungsergebnisse.

Mehr als 300 Fachleute aus Architektur, Lichtdesign, Anthropologie, Neurologie und Biologie waren der Einladung des VELUX Konzerns in die École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL) gefolgt und diskutierten über die Wirkung von Tageslicht und die Gebäude der Zukunft.

90 % des Tages in Räumen

Grundsätzlich ist der Mensch konzipiert für ein Leben im Freien, doch der Durchschnittseuropäer verbringt
90 % seiner Zeit in geschlossenen Räumen. Ein Fünftel der Bevölkerung arbeitet im Schichtbetrieb.
Mit künstlichem Licht beginnt der Tag früher und endet später. All das steht im Gegensatz zur biologischen inneren Uhr des Menschen, die wesentliche Körperfunktionen des Menschen wie Schlaf- und Wachphasen, Laune, Körperkraft oder Blutdruck wesentlich reguliert. Zu bestimmten Tageszeiten ist der Mensch aktiver, zu anderen Zeiten lässt die Wahrnehmungsfähigkeit nach. Durch reine Willenskraft kann sich der menschliche Organismus diesem Rhythmus nicht entziehen. Ein entscheidender Regulator dieser inneren Uhr ist die tägliche Wahrnehmung des Tageslichts.
Medizinische Studien belegen die Bedeutung des Tageslichts für das seelische Gleichgewicht und die Gesundheit des Menschen: Der Lichteinfall erhöht die Aktivität vieler Hirnbereiche und fördert die Konzentration. UV-Strahlung fördert die Bildung von Vitamin D, das für gesunde Haare, Knochen und Zähne wichtig ist.

Künstliche Beleuchtung kann natürliches Tageslicht nicht ersetzen

Experten wie Russel G. Foster, Professor für zirkadiane Neurowissenschaft an der Oxford University fordern die Rückkehr zum natürlichen Rhythmus. Der Begriff „zirkadian“ setzt sich zusammen aus dem lateinischen circa, das so viel wie „um“, „um etwas herum“ bedeutet und dem ebenfalls lateinischen „dies“, also Tag. In der Chronobiologie beschreibt man damit Rhythmen, die eine Periodenlänge von ungefähr 24 Stunden haben – also einen Tag.
In seinen Studien legt Foster besonderes Augenmerk auf die Fotorezeptoren im Auge. Diese fotosensitiven Netzhautganglien enthalten das lichtempfindliche Pigment Opn4. Selbst blinde Menschen können über diese Rezeptoren wahrnehmen, ob es hell oder dunkel ist. Deshalb ist es für den regenerativen Effekt des Schlafes entscheidend, ob man in einem dunklen Raum schläft oder bei hellem Tageslicht.

„Optimale Tageslichtverhältnisse in Gebäuden sollten daher einen zentralen Stellenwert in der Architektur bekommen,“ betont DI Christina Brunner, VELUX Österreich. „Tageslicht, das uns ohnehin und kostenlos zur Verfügung steht, wirkt sich positiv auf die Gesundheit des Menschen aus und trägt wesentlich zum physischen und psychischen Wohlbefinden bei.“ Licht in der Morgendämmerung ist 50 Mal heller als Bürobeleuchtung, Tageslicht sogar 500 bis 1000 Mal stärker. Tageslicht-Architektur bedeutet nicht, Glashäuser zu bauen – es geht vielmehr um die strategische Positionierung von Fenstern, Oberlichten, Dachflächenfenstern, Flachdachfenstern und ähnlichen Belichtungselementen zur Erreichung eines Belichtungsniveaus, das den menschlichen Anforderungen Rechnung trägt.

Tageslicht hilft im Heilungsprozess

Ist dieser Effekt schon für gesunde Menschen deutlich spürbar, tritt er im Krankenhaus- und Pflegebereich ebenso zu Tage. Architektin Anne Kathrine Frandsen vom Danish Building Research Institute an der Aalborg University hat den Einfluss von Tageslicht auf den Heilungsprozess untersucht:
„Räume ohne Tageslicht werden vom Personal und von den Patienten gleichermaßen als unangenehm betrachtet und lösen Sorge aus.“
Besonders bei depressiven Patienten zeigt sich die positive Auswirkung des Tageslichts, vor allem in den frühen Morgenstunden. Mit einer Untersuchung in einer neonatologischen Abteilung konnte Frandsen nachweisen, dass Babys, die tagsüber mehr Tageslicht und nachts keinem künstlichen Licht ausgesetzt waren, nach ihrer Entlassung deutlich aktiver waren als Babys, die ihre ersten Tage bei relativ gleichmäßiger Beleuchtung erlebt haben. Auch Stress und Schmerzen werden unter dem Einfluss von Tageslicht weniger stark empfunden.
An einem Spital in Pittsburgh verglich man den Einsatz von Schmerzmitteln nach Wirbelsäulenoperationen: Bei Patienten, die in westseitig und damit helleren Räumen untergebracht waren, konnte die Dosis der Schmerzmittel im Vergleich zu Patienten in ostseitig gelegenen Zimmern um 22 % reduziert werden.

Auch die Arbeitsqualität des medizinischen Personals steigt mit dem Anteil des Tageslichts, so die Expertin am VELUX Daylight Symposium: Ihren Forschungen zufolge beeinflusst das Beleuchtungsniveau die Häufigkeit von Ausgabefehlern bei Medikamenten sowie die Qualität der Dokumentationen in den Krankenstationen. Forschungsbedarf sieht die Architektin noch in der Definition von Qualitätskriterien für Tageslicht und der Raumzonierung.

Zenitlicht ist deutlich stärker

Die Belichtungsstärke vom sogenannten Zenitlicht – also Licht von oben – wirkt 3 Mal heller als das Horizontlicht, das Licht von der Seite. Durch Dachflächenfenster und Flachdachfenster lässt sich so gezielt Licht in die Raumtiefe lenken.
Schon ab 2,5 Meter Abstand von Vertikalverglasungen ist die Belichtungssituation so, dass die Augen beim Lesen und Arbeiten Unterstützung durch künstliches Licht brauchen.
„Ein gezielter Einsatz von Belichtungselementen ist daher ausschlaggebend für eine optimale Tageslichtsituation in Räumen und ermöglicht gleichzeitig Blickkontakte zur Außenwelt.“ betont Brunner.

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