Aller Anfang ist Licht

Aller Anfang ist Licht

Happy girl with a red scarf on the winter background

„Nur natürliches Licht ist für mich wahres Licht, denn es ist voller Gefühl.“ Lassen Sie die Worte des berühmten US-amerikanischen Architekten Louis Kahn eine Weile wirken…

Seit Millionen von Jahren gibt das Licht den Rhythmus vor, auf den sich alle Organismen eingestellt haben, ob sie sich nun auf ein Leben in der Nacht oder am Tag spezialisiert haben. Zahlreiche Körperfunktionen sind auf diesen Rhythmus abgestimmt, auch die des Menschen – dessen herausragendste Eigenschaft bekanntlich die Fähigkeit ist, die fundamentalen, essenziellen Dinge seiner Lebenswelt als völlig selbstverständlich und gegeben anzusehen. Wir werden in der Regel erst dann stutzig, wenn etwas nicht mehr stimmt oder wenn der Schaden schon angerichtet ist.

Lebensquelle Licht

Immer mehr künstliches Licht auf der ErdeDas Licht – eines unserer höchsten Güter – wird oftmals nur als quantitatives Phänomen missverstanden. Künstliche Lichtquellen, so wichtig diese Errungenschaft unbestrittenerweise ist, werden heute oft inflationär eingesetzt, in Innenräumen genauso wie im Freien. Besonders Großstädter können ein Lied davon singen – achten Sie beim nächsten Stadtbummel bewusst auf das künstliche Licht. Es leuchtet und blinkt an allen Ecken und Enden, teilweise 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Den Sternenhimmel nimmt man von der Stadt aus kaum mehr wahr, am durchschnittlichen Nachthimmel sind in Österreich durch die Aufhellung nur mehr 10 % der mit freiem Auge sichtbaren Sterne zu erkennen.

Das Mittelmaß zu finden, das Beste aus unterschiedlichen Welten zu kombinieren, die Achtung vor den fundamentalen Dingen unserer Lebenswelt zu wahren und mit den Errungenschaften unserer modernen Zivilisation maßvoll umzugehen: Dieses Bestreben wird eine der großen Herausforderungen für den Menschen sein.

 

Am Anfang war das Licht

Ohne Licht gibt es kein Leben. Der Mensch, ursprünglich eine Freiluftspezies, die aufgrund der Evolution nun in Innenräumen lebt, strebt von seiner Natur aus nach Einklang mit den Licht/Dunkel-Zyklen auf der Erde. Diese Koordination ist übrigens nicht nur für das Wohlbefinden und die Vitalität wesentlich, sondern auch für unsere Reproduktionsfähigkeit, die bekanntlich eine der stärksten Triebfedern ist. Wir verfügen dazu über ein raffiniertes Werkzeug, das zirkadiane System. Es ist vergleichbar mit einem komplexen Netzwerk „innerer Uhren“, die in jeder Körper- und Gehirnzelle vorhanden sind. Photosensitive Ganglienzellen im Auge werden durch Licht angeregt und senden Nervensignale an ein bestimmtes Hirnareal, das als Zeitgeber des Körpers fungiert und die Aufgabe hat, unsere Körperfunktionen mit den natürlichen Licht/Dunkel-Zyklen zu koordinieren.

Tageslicht beeinflusst uns auch nachtsAlle Körperfunktionen, vom Blutdruck über die Herzfrequenz bis zur Leistungsfähigkeit der Muskeln, unterliegen genau gesteuerten, tageszeitlichen Abläufen. Auch unser Schlaf/Wach-Rhythmus ist ein wesentlicher Bestandteil des zirkadianen Systems. Ausreichend Tageslicht hält uns nicht nur für den Augenblick wach und aktiv, es fördert auch Stunden später noch besseren Schlaf und erleichtert sogar das Aufwachen am nächsten Tag. Lichtmangel hingegen, das ist der logische Umkehrschluss, führt dazu, dass wir uns auch noch am Folgetag müde und antriebslos fühlen.

Stressfaktor Blendung

Unsere Augen sind die wichtigste Verbindung des zirkadianen Systems mit der Außenwelt. Und: Sie sind geschaffen, um das Licht zu nutzen, nicht um direkt hineinzuschauen. Welch komplexe Stressreaktionen spontane Blendung im Körper hervorruft, wird uns oft gar nicht gleich bewusst. Werden wir einem plötzlichen, starken Lichteinfall ausgesetzt, regen die photosensitiven Ganglienzellen sofort einen heftigen Adrenalinausstoß an. Das Stresshormon versetzt Körper und Gehirn in Alarmzustand, die Konzentration wird gestört, die Augen-Hand-Koordination geht kurzzeitig verloren. Bei dauerhafter Blendung können Schlafprobleme, Migräneanfälligkeit und sogar die Neigung zu epileptischen Anfällen etc. noch verstärkt werden.

Natürliches Licht – am besten von oben!

Licht entscheidet also mit über Gesundheit und Wohlbefinden. Es macht allerdings einen großen Unterschied, woher es kommt. Was wäre das Leben ohne Wissenschaft: Forschungsergebnisse zeigen, dass helles Licht mit einer Beleuchtungsstärke von mindestens 1.250 Lux, verteilt über den Tag, genug Anreize für die photosensitiven Ganglienzellen im Auge liefert, damit sie ihrer für die Gesundheit, das Wohlbefinden und den Schlaf so wichtigen Zeitgeberfunktion nachkommen können. Vor allem Tageslicht, das von oben durch Dachfenster oder Oberlichten einfällt, kann einen Raum mit bis zu 1.250 Lux versorgen und überdies gleichmäßig ausleuchten. Ein weiterer Vorteil ist das geringe Blendrisiko, da wir ja selten direkt nach oben schauen.

507011-01-ebk6024-musholm-sommerhus-kokken-2Sanfter Lichteinfall von oben

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Charme des Schattens

„Der Schatten selbst hat seinen Ursprung im Licht“, erkannte der visionäre Architekt Frank Lloyd Wright. Schatten und Dunkelheit erhöhen den Wert und die emotionale Kraft des Lichts, Dämmerlicht fördert vergessene Erinnerungen zutage, schärft den Sehsinn und regt auch die anderen Sinne an. Moderne Beschattung hat längst nicht mehr nur den praktischen Zweck der Verdunkelung und des Hitzeschutzes im Visier: Rollos sind Gestaltungselemente, kreativer Teil des Lichtkonzeptes, sie zaubern Lichteffekte und akzentuieren Räume mit dem sich im Tagesverlauf ändernden Licht.

Unser Architekt, das Tageslicht: Wo Ideen wachsen

Erleben Sie eine Entdeckungsreise der architektonischen Möglichkeiten, die der geschickte Einsatz von Tageslicht eröffnet. Sie alle sind „vom Tageslicht berührt“, von Menschenhand geschaffen, für Menschen gemacht. Schließlich sind das Licht und die Wahrnehmung eines Raumes untrennbar miteinander verbunden und der stärkste Faktor für die Atmosphäre eines Ortes. Denken Sie an die belebende Wirkung des Morgenlichts, an das aktivierende, energiegeladene Licht des Vormittags, das sanfte, beruhigende Abendlicht, an das kühle Licht einer mondhellen Nacht: Licht steuert nicht nur den Rhythmus des Lebens, sondern auch unsere Stimmungen, Aktivitäten und Energien. Auch Louis Kahn war fasziniert von dieser sanften und doch so einflussreichen Macht: „Natürliches Licht ist das einzige Licht, das Architektur zu Architektur macht.“

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Quelle: Daylight & Architecture, Architekturmagazin von VELUX, Ausgabe 26, Herbst 2016

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