Wie Tageslicht Menschen verbindet

Wie Tageslicht Menschen verbindet

Tageslicht verbindet Menschen

Können Gebäude das Zusammenleben innerhalb unserer Gesellschaft verbessern und dazu beitragen, dass wir mit den Herausforderungen unserer Zeit besser zurechtkommen?

Sir Winston Churchill, ein Meister großer Worte, erkannte: „We shape our buildings and afterwards they shape us.“ Ein Denkansatz, der von Architekten gern aufgegriffen wird und bis heute Gültigkeit hat – im privaten Haus- und Wohnungsbau genauso wie im öffentlichen Bereich: Der Mensch fungiert zwar als Architekt und Baumeister – aber die Gebäude beeinflussen uns in größerem Ausmaß, als man ahnt.

Nach der Auffassung des amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg kommt gesellschaftlichen Treffpunkten außerhalb der Wohnung und des Arbeitsplatzes eine enorme Bedeutung zu. Er hat dafür sogar einen eigenen Begriff geprägt und nennt sie „Third places“, Orte, die einer Gesellschaft Sicherheit und Stabilität vermitteln und sogar gesellschaftliche Prozesse unterstützen, wie zum Beispiel die Erleichterung der Integration zugereister Menschen. Aber wie kann ein Gebäude das schaffen? Es lebt nicht, es spricht nicht. Oder doch?

Menschen formen Gebäude formen Menschen

Architektur kann der bloße Spiegel gesellschaftlichen Wandels sein – oder ihn auch mitgestalten. Gebäude können verschlossene, in sich gekehrte Ablehnung vermitteln oder eine inspirierende Willkommens-Atmosphäre ausstrahlen, in der sich jeder Mensch sofort zuhause fühlt. Tageslicht spielt dabei eine zentrale Rolle, wird zum verbindenden Element, das die Menschen zusammenführt.

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Im aktuellen Daylight & Architecture Magazin können Sie auf eine spannende Weltreise zu den schönsten Orten des kollektiven Erlebens gehen. Wir haben zwei davon für Sie ausgewählt, von denen jedes für sich eine wunderbare, ganz eigene Welt inszeniert – und sie illustrieren beide besonders gut, wie Tageslicht in Gebäuden Menschen bewegt.

Tageslicht als Inspirationsquelle

Die Nutzung des Tageslichts in Gebäuden hat sich verändert – von der einzigen verfügbaren Lichtquelle und vom mystischen Symbolismus vergangener Zeiten hin zum zentralen Gestaltungselement, das Räume verwandelt und Menschen verbindet. Die starke Faszination, die das Licht der Sonne bei uns Menschen auslöst, hat sich jedoch nicht gewandelt – bis heute ist es immer wieder Inspirationsquelle für herausragende architektonische Ideen.

Eine Kirche in Dänemark

Eine spekatakuläre Stimmung aus Licht und Wolkenformationen über Hawaii wurde zum Grundstein für ein Gotteshaus in der Nähe von Kopenhagen. Sonnenstrahlen, die dramatisch durch die Wolken brachen, lieferten dem dänischen Architekten Jørn Oberg Utzon, unter anderem berühmt für den Bau der Oper von Sydney, die Gestaltungsidee für das Innere eines Gotteshauses. Mit der Bagsværd-Kirche in der Nähe von Kopenhagen setzte Utzon ein wunderbares Denkmal für „den universellen Lobpreis von Licht und Leben“.
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„Ich habe versucht, den Eindruck der über dem Meer und die Küste ziehenden Wolken in Architektur umzusetzen. Wolken und Küste bildeten zusammen einen wundersamen Raum, in dem das Licht durch die Decke (die Wolken) auf den Boden (die Küste und das Meer) fiel. Ich spürte, dass dies ein idealer Ort für Gottesdienste sein könnte.“

Spiel mit Sonnenstrahlen

Das Sonnenlicht fällt vor allem durch ein sehr großes, hoch positioniertes Seitenlicht in der Westfassade in die Kirche ein. Ein System modularer Oberlichter versorgt die langen Flure mit natürlichem Licht. Die wellenförmigen, lichtreflektierenden Decken erzeugen einzigartige Spielarten des Tageslichts, das weich von überall in die Kirche einfällt und nirgendwo ein Gefühl der Enge oder Verschlossenheit aufkommen lässt.

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Eine Moschee in Australien

Vom entgegengesetzten Ende der Welt stammt Glenn Murcutt, der erst vor Kurzem eine Moschee in Newport bei Melbourne fertigstellte. Was die beiden Architekten und auch die beiden Gebäude verbindet, ist das Tageslicht als grundlegendes Gestaltungsmittel, das den Ausdruck der Architektur unterstreicht und die Gemeinde vereint.

Von außen erkennt man kaum, dass es sich bei dem Gebäude in Newport um eine Moschee handelt. Ein riesiger Betonbau, eine Mauer, die von der Straßenseite aus um das Gebäude läuft – jedoch lädt sie „die Menschen wie mit ausgebreiteten Armen ein, herzukommen und sich die Moschee anzusehen“.

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Die Eingangsfront ist vollständig verglast, um diese Offenheit zu unterstreichen. Murcutt war der Meinung, dass „eine Moschee in Australien nicht zwangsläufig ein Abbild der Moscheen in der arabischen Welt“ sein müsste – er verzichtete daher z. B. auf das Minarett. Die Sonne kommt als Gestalterin besonders bei den einzigartigen Dachlaternen ins Spiel, die auf einer Seite eine Farbverglasung haben und in jede Himmelsrichtung ausgerichtet sind, wobei jede Orientierung ihre eigene Farbe und Symbolik besitzt.

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Die Bagsværd-Kirche in Dänemark und die Newport-Moschee sind in jeder Hinsicht in völlig unterschiedlichen Welten angesiedelt. Was sie eint, ist das Herzblut ihrer beiden Architekten, das in das jeweilige Projekt geflossen ist, das Licht der Sonne, das in beiden Gotteshäusern als zentrales Gestaltungselement für einen einzigartigen Spirit sorgt und ihre Besucher dazu ermutigt, zusammenzukommen, aufeinander zuzugehen. Die Erfahrung zeigt – die Menschen lieben sie beide, die kleine Kirche vor den Toren von Kopenhagen und die Moschee in Australien.

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